Ein Augenblick

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Wieder strich sein Blick über die Menschenlandschaft des Eingangsbereiches. Die vertrauten bunten Hügelketten der Stufen links wie immer laut lärmend. Dem vorgelagert das introvertierte Geröll. Wie in jeder Pause dahingespült, ohne dass es jemanden aufgefallen wäre. Nun musste er nur seine Augen weiter nach rechts lenken zu der Vitrine mit den Tonskulpturen der Mittelstufe. Dass sie nicht einer Behindertenwerkstatt entstammten, wusste er auch erst seit letzter Woche. Kleine Schilder behaupteten das jedenfalls. Gleich neben diesen kleinen Schildchen war ihr Platz: Fast wie eine Statue in einer Kirche, dahingeschnitzt seit Ewigkeiten, rätselhaft in die Ferne träumend. Ein Bild der Ruhe. Gerne hatte er verstohlen seine von Farben und Stimmen müden Augen auf sie gelegt.
Was wiegen Blicke? Sie konnte den auf sie niedersinkenden Fokus spüren, wusste er. Fast zwangsläufig würde sie, von der Schwere seiner Blicke berührt, erwachen und schon reute es ihn jedesmal wieder, ihre Versunkenheit gestört zu haben. Obwohl er lange geübt hatte, möglichst vorsichtig sein Gesichtsfeld in allen erdenklichen Variationen wie ein Netz auf sie zu werfen. Fast unmerklich würde sich ihr Kopf wenden, zielsicher auf seine Richtung einschwenken. Und wie ein Observatorium langsam die Halbschalendächer entfaltet, um den Blick auf den Himmel freizugeben, öffnen sich dann ihre Lidspalten an der Grenze der Wahrnehmbarkeit in quälender Langsamkeit.
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Als wäre ein Engel weichzeichnend durch den Raum gehüpft, verloren sich schlagartig die Randsilhouetten verschwimmend im Nebel, nahmen all die Geräusche mit sich, um seinen Wunsch zu erfüllen, mit ihr allein zu sein. Allein in einer gespenstischen Stille ohne Zeit und Raum. Fast jeder Sekundensplitter schien im Vorbeiregnen zu glitzern, um dann auf den Grund des Glaskörpers niederzusinken. Aufgesogen von den Poren der Netzhaut. Und wie ein Foto in der Entwicklungsschale langsam reifend aus dem Nichts ein Bild hervorzaubert, schien auch ihm die Zeit endlos, die die Transmitter im Sehzentrum brauchten, alle Lichtfragmente zusammenzupuzzeln. Dann endlich erschienen ihre Augen vor ihm: still, fragend, rätselhaft. Wie durch das Tor zu einer anderen Welt, das jenseits von Realität und Bewusstsein, umgeben von einer Korona schimmernden Grüns, alle Geheimnisse des Universums in sich zu bergen schien, verlor er sich im strahlenden Schwarz der Pupille. Hier umfing ihn eine niegekannte Geborgenheit, als wäre er ohne es zu wissen nach Hause zurückgekehrt. Dahin wo es keine Tränen mehr gab, keine Menschen, keine Geschichte. Nur noch Vertrautheit. Für Millisekunden.
Der Zeitsog riss ihn unsanft zurück. Verblassend entschwindet das Bild auf der Netzhaut. Schmerzlos. Konnten doch Lichtsinneszellen nichts fühlen, selbst wenn Licht Liebe wäre. So blieb nur die Verzauberung eines Augenblicks in ihm zurück. Jedesmal wenn sich ihre Blicke gefunden hatten wie tanzende Scheinwerfer am Nachthimmel. Irgendwo tief in ihm spürte er, dass es etwas Heiliges war, nur letzte Fasern, die ihm mit dem Ursprung allen Daseins verbanden. Und er ahnte, dass Worte all das zerstören würden. Doch eines Tages wird sie nicht mehr da sein und er würde keine Ahnung haben, wohin sie gegangen ist.
© 2001 by Martin Mooz