Frühstück

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"Es liegt in der Art des Geworfenseins, zwischen den sanften Aufsetzern einige der aufgesammelten Tränen zu verlieren." Wie immer, wenn sie ihr Lieblingsbild des über die Wellen tanzenden Steins anbrachte, kam er nicht umhin, sie mit großen Augen voller Verwunderung anzusehen. Sie hatte die seltene Gabe, alles noch so Deprimierende zu verklären. Das machte sie so einzigartig für ihn. Leider auch sehr sprachlos. "Du musst darauf vertrauen, dass die Hand, die dich in die Welt entließ, dir schon alles mitgab. Stell dir das mal vor! Verlieh dir, einem Stein, die Möglichkeit zu fliegen, über die Wellenberge des Lebens zu gleiten, um dann irgendwann vorherbestimmt in die Tiefen glitzernden Wassers hinabzusinken."

Wären sie jetzt tschechisch essen, hätte er getrost auf die Soße für sein Knödel verzichten können. Er hatte immer wieder das Bild der lachenden Kinder am Ufer vor Augen. Wie sie ihn fanden. Und dann sagten: "Guck mal, was für ein hässlicher Stein. Voller Krater und Ecken." Und als nächstes ein konsequenter Blub beim ersten Aufsetzen. Davon war in ihren Betrachtungen nie die Rede. Es gibt viele Dinge, die gerne verschwiegen werden. Zum Beispiel, dass persona, diese lustige Hormondisco mit grünen und roten Lichtern, ihres Zeichens Wächterin über die fruchtbaren Tage einer Frau, im ersten halben Jahr nur rote Tage anzeigt. Natürlich um ausreichend zuverlässige Daten zu sammeln. Verständlich, müsste man doch sonst seinem Kind erklären, dass ein handlicher Haufen Elektronik sich in der Kunst des Wahrsagens, genauer gesagt in der Kunst des Urinlesens geübt hatte. Immerhin wüsste man dann wenigstens, wem man sein Dasein zu verdanken hatte, dachte er verstohlen. Sagen dürfte er so etwas nicht. Zweifel waren nicht angebracht. Nicht bei seiner Studiermaus. Warum er den Frauen, denen er begegnet war, so gerne diese Verniedlichung überstülpte, wusste er nicht so genau. Es gab ihm mitunter das wunderbare Gefühl, zärtlich sein zu können. Auch gegen das Augenscheinliche. Nicht, dass sie besonders unansehnlich war. Aber wie sie so dasaß und selbstgefällig, fast schwärmerisch über das Leben referierte! Manchmal überkam ihn das Bedürfnis, ihr mit aller Kraft auf den Fuß zu treten. Nur dass ihre hinkenden Vergleiche authentischer wirkten. Sie hätte das nicht verstanden. Sie verstand gar nichts.

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Gleich würde sie wieder mit den Libellen über den Morgennebel verträumter Waldseen gleiten. Längst ihre Steinmetapher fallengelassen haben, morphologisch wandelnd in höhere Sphären entschweben. Er ließ sie flattern. Das Kuriose war, dass sich ihre Augen verklären würden und sie, von ihrem eigenen Pathos und einem Hauch göttlicher Einzigartigkeit berührt, in einem mythologischen Sinne feucht wurde. Nicht nur in den Augen. Dann standen alle Zeichen auf Engelchensex. Alarmstufe Rot. Und er konnte nur hoffen, dass persona ihn in diesen Momenten tatkräftig leuchtend unterstützen würde. Er hasste diese Theatralik des Füreinander-bestimmtseins, der schicksalhaften Verzückung, wo sie im Licht einer sentimentalen Morgenröte anfing, seine imaginären Flügel zu streicheln. Wenigstens auf die obligatorischen Nachthemdchen war sie noch nicht gekommen, tröstete er sich. In seiner Verzweiflung über die Absurdität aller menschlichen Bestrebungen war er ihr in gewisser Weise ähnlich. Allerdings mit einem entgegengesetzten Vorzeichen. Und in der Intensität ihrer Lebenswelten standen sie sich in nichts nach. Nur nach schwärmen war ihm nie zumute. Er sonnte sich lediglich in ihrem verschwenderischen Licht wie ein Mond. Und seine dunkle Seite atmete weiter den eiskalten Hauch eines leeren Universums. Manchmal noch hatte es ihn sehr traurig gemacht, all das vor ihr verbergen zu müssen. Es stimmte einfach nicht, dass Tränen nur die Benetzungen mythologischer Gewässer sind, die man im Weiterfliegen wieder abstreifen kann, dass im Durchmessen von Raum und Zeit das Licht und der Wind deine ständigen Begleiter sind. Tief vergraben im Ufersand hoffte er weiter darauf, nie mehr gefunden, nie wieder dazu berufen zu werden, diese anstrengenden Kreisläufe von Aufsteigen und Niedersinken mitmachen zu müssen. Er hatte den Platz an ihrer Seite gewählt, nicht weil er sie liebte oder eine andere Kraft menschlicher Irrationalität ihn dazu bewogen hätte. Sie war ganz einfach der Mensch, mit dem er alt werden wollte, mit dem ein Zusammenleben erträglich schien. Sie lebte in ihren Bildern und er vor ihrer Leinwand und war so gleichermaßen schön und liebenswert. Sie würde nie erfahren was er wirklich war und auf seinen Grabstein meißeln lassen: Ein treuer Ehemann und liebevoller Vater.

Sie war in ihren Ausführungen ins Stocken geraten, vielleicht war ihm ein allzu abwesender Blick entschlüpft.
"Was denkst du gerade?" fragte sie.
"Nichts, mein Engelchen, gar nichts."
© 2001 by Martin Mooz