Der
kleine Markt erschien fast wie aus dem Nichts zwischen den engen Häuserzeilen
erwachsend und mutierte binnen kürzester Zeit zu einer Kampfarena. Die
imaginären Ränge bevölkerten sich zusehends mit heimischen
Mülltonnen und im gegnerischen Fanblock -zugereist- Obstverpackungen
aus aller Welt. Warum es mich heute hierher zog, wusste ich nicht. Es gibt
Tage, da treibt dich nur die bescheidene Hoffnung nach draußen, es könnte
dir ein Flugzeug auf den Kopf fallen. Tage, an denen man das Warten leid ist:
Auf die Traumfrau, den Lottogewinn, den Weltfrieden, das Paradies, eigentlich
nur auf den Engel, der dir sagt: "Wach auf, es ist alles nur ein dummer
Traum!"
Aber Engel trifft man nicht mal einfach so an der Bushaltestelle, nur
die kleinen blauen auf den Mehrwegverpackungen oder dem Toilettenpapier.
Eigentlich hat ja jeder seine eigene verworrene Vorstellung das Schicksal
beeinflussen oder gnädig stimmen zu können. So sammelte ich
seit längerem genau diese kleinen Umweltzeichen, anfangs aus Spaß,
aber mittlerweile im festen Glauben daran, später eine Art Großkundenrabatt
eingeräumt zu bekommen. Besonders stolz war ich auf meine letztens
erstandene Kettensäge - beengelt weil lärmgemindert und abgasarm.
Was mir jetzt definitiv noch fehlte, war ein Bewegungsflächenenteiser
für Flugplätze. Unter Sammlern der absolute Exot. Wenn ich nur
wüsste, wie ich da heran komme! Selbst ein abstürzendes Flugzeug
dürfte sowas nicht an Bord haben.
Mittlerweile war ich am Spielfeldrand angekommen. Früher dachte ich immer
es wären Ersatzbänke, auf denen die Omas geduldig harrend auf ihre
Einwechslung warteten. Aber wenn man so sah, wie sie nach 3 Minuten wieder
aufsprangen und sich humpelnd ins Getümmel stürzten, schien es eher,
als hätten sie nur ihre Zeitstrafe abgesessen. Das obligatorische Warmlaufen
absolvierte ich leicht schlendernd an den ruhigen Randbereichen. Hier stieß
ich auf etwas Seltsames: Konservendosen von der Größe einer Regentonne.
"Was ist das?" fragte ich den Händler. "Na ja, eine Innovation!
10 Sardinen in einer Dose, 5 Kameras inklusive Infrarot-Firewire-Anschluss
für den PC." "Und wofür das?" Er sagte: "Die
Leute werden in Zukunft auf sowas stehen. Es liegen Zeiten der Rückbesinnung
vor uns. Unsere Marktanalysen zeigen deutlich, dass sich der Mensch jetzt
wieder mehr für seine Mitmenschen interessiert." "Und die Sardinen?"
fragte ich ihn etwas irritiert. "Allesamt freiwillig dem Meer entstiegen,
dem Ruf zu folgen an der Spitze dieses neuen Zeitalters zu stehen!" versicherte
er mir. Ich sah verstohlen an mir herunter. Irgendetwas musste ich doch an
mir haben, dass mich die Leute für verrückt genug hielten, diesen
Mist zu glauben. Immernoch überlegend, ob meine Schnürsenkel eigentlich
einen Engel hatten, stolperte ich fast über den nächsten Stand.
Tausende Karten mit seltsamen Tierchen, bunt und quietschvergnügt wie
es schien. "Und sie?" fragte ich einen bezopften Hinterkopf, dessen
Vorderteil irgendwo emsig herumkramte. "Ich tausche Illusionen."
"Das gefällt mir", sagte ich, "ich habe hier ein Traumato.
Was ist der Wert?" Das schien sein Interesse geweckt zu haben. Plötzlich
sah ich in ein Gesicht, das mich insgeheim den vorherigen Zustand wieder wünschen
ließ: "Oh, sie brauchen unbedingt den Hyper-Heiler samt Super-Energie-Absauger,
doppelt farblose Energie und Rück-Entwicklungsspray." "Und
dann bin ich geheilt?" fragte ich etwas verwirrt. "Wie?" spiegelte
sich kurz eine sichtliche Befremdung in seinen Augen wider und ging zuckend
in ein Kopfschütteln über, so dass ein paar gequetschte Worte herausfielen:
"Sagte ich nicht, dass ich mit Illusionen handle?" "Ja, ich
vergaß" stammelte ich noch zur Entschuldigung.

Am nächsten Stand -ein Durchatmen entfernt- konnte man sich sein
Weltbild zerstören lassen. Heute ein Zweifel gratis. Das war doch
was. Der Verkäufer musterte mich, dann kam seine allesentscheidende
Frage:"Schonmal
drüber nachgedacht, was 37 Meter pro Sekunde sind?" "Ja",
sagte ich belustigt, "das ist doch einfach! Geschwindigkeit und nicht
mal langsam. Das sind so 130 Kilometer pro Stunde." "An sich
schon", lächelte es zurück, "aber nun: 1 Meter ist
definiert als das 1650763,73fache der Wellenlänge der von Atomen
Krypton-86 beim Übergang vom Zustand 5d5 zum Zustand 2p10 ausgesandten
Strahlung im Vakuum und 1 Sekunde" - ich wollte es gar nicht mehr
wissen - "die Dauer von 9192631770 Perioden der Strahlung, die dem
Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes
des Atoms Zäsium CS 133 entspricht."
Ja, das wirkte. Grübelnd schlich ich weiter, um möglichst keinem
Atom auf die Füße zu treten.
Die nächsten Füße gehörten aber zu einer alten Frau.
Laut Schild kaufte sie Ideale an. "Was bekomme ich für den Weltfrieden?"
fragte ich sie. Sie schaute in ihre Preisliste, stöhnte kurz und fragte
dann: "Haben sie nichts Exotisches? Weltfrieden nehmen wir nur im Bundle.
Entweder mit Humanismus, Umweltschutz oder Romantik." "Nö",
sagte ich, "die brauch ich noch. Aber ich kann ihnen mein Vertrauen in
Fleischprodukte anbieten. Was bekomme ich dafür?" "Einen Gutschein
für Fast-Food." Das war ja wohl nicht komisch!
Etwas verärgert fand ich mich am nächsten Stand wieder. Werd Teil
einer Statistik, gerade Happy hour - alles zum halben Preis. "Ich bin
arbeitsloser Mittelständler, hasse rosenverkaufende Nepalesen und finde,
dass Benzin zu teuer ist" sagte ich zum Verkäufer. "Ja, da
lässt sich was machen. Füllen sie mal den Bogen hier aus. Fälschen
kostet übrigens extra" sagte er zum Ende hin betont leise. "Wie,
auch bei den Arbeitslosen?" entfuhr es mir. "Nein", lachte
er vielsagend, "das ist in diesem speziellen Fall schon inklusive. Und
unter der Hand - wir suchen noch für die vorweihnachtliche Suizidalstatistik."
"Na", höre ich mich sagen, "ich denk drüber nach."
Schon etwas erschöpft vom Bummeln ruhe ich am nächsten Stand aus.
Die Wahrheit - keine Menschenseele zu sehen. Na hallo, wohl kein Verkaufsschlager!
Nach einer Viertelstunde erschien ein kleines Mädchen, musterte mich
und sah mich erwartungsvoll an. "Wie nun? Verkaufen, Tauschen, Kaufen.
Was machst du?" fragte ich sie. "Ich habe Pfützen, dreckige
Knie, Seifenblasen, Murmeln, Bonbons, Sandburgen, Märchen und eine Zahnlücke.
Aber die verkaufe ich nicht, tauschen will ich um keinen Preis. Aber ich verschenke
Wahrheiten." "Das ist nett, einfach so?" fragte ich ungläubig.
"Ja", sagte sie, "wenn man sucht, findet man sie auch so, man
muss bloß sehen können." "Hm", sagte ich blinzelnd,
"das kann ich." Sie schüttelte nur den Kopf, reichte mir einen
kleinen Zettel und verschwand. Hier stand: Alles wird gut.
Noch am selben Tag ging ich zum Optiker und verlangte eine rosarote Brille.
"Die kostet 10 Pfennig" sagte er. "Wo ist der Haken?"
fragte ich. "Sie betrügt nur die Augen, nicht das Hirn." "Und
lässt sich da was machen?" Er schaute sich um, führte mich
dann ins Hinterzimmer. Ein abgedunkelter Raum, kahle Wände mit den üblichen
Apparaturen. Er brachte ein futuristisches Modell: blinkende Lämpchen,
bunte Drähte. "Ein Neuro-Implantat, die absolute Innovation! Eigentlich
noch in der klinischen Testphase und ohne selbstaufladende Solaraggregate."
"Und", frage ich, "wo ist hier der Haken?" "Wir haben
noch kein Feedback. Alle Versuchspersonen bleiben spurlos verschwunden. Wollen
sie es dennoch versuchen?" Ich zögere kurz, dann willige ich ein.
Und alles ist gut, ich hüpfe in die nächstbeste Pfütze, renne
schnurstracks zum nächsten Spielplatz und hier sitzen sie schon alle
wie die Pinguine im Sandkasten. Ich ergatterte noch 3 Quadratmeter besten
Grundeigentums, gleich neben der Wippe, baue mir ein Eigenheim und lebe fortan
glücklich und zufrieden.
Ein duracell-Hase hüpft schwächelnd an meinen Zaun und fällt
um.
Die Sonne scheint und alles wird gut.