Wie alle
Autoren war auch er sich sicher, dass auf sein Buch die Welt schon immer gewartet
hatte. Er musste es nur endlich fertig bekommen.
"In 100 Schritten
zum Superhelden!" war seine Antwort auf die zunehmend absurdere Welt
der Superlative. Mussten bislang unbekannte Zeitgenossen sich gegenseitig
in Sinnlos-Disziplinen wie Pfahlhocken oder Kuhfladenweitwurf oder in Destruktivität
beim Amoklaufen und Geisterfahren überbieten, um wenigstens zu einer
kurzen Randnotiz des öffentlichen Bewusstseins zu werden, hatte er sich
auf längst verloren scheinende Werte besonnen. Auf dem Weg zum garantierten
Endruhm musste man allerdings alle Schritte mindestens einmal absolviert haben.
Dass die ersten 10 nur mit Omas und Schwangeren zu tun hatten, machte natürlich
noch niemanden zum Helden. Eigentlich hatte er sich nur für eine Erwähnung
entschieden, weil es bestimmt eine Menge Leute gab, die davon zum erstenmal
hörten oder es zum erstenmal für erstrebenswert hielten, mit Dingen
wie anderen Türen aufhalten, Sitzplätze anbieten oder Einkaufstaschen
tragen, nach und nach die Welt auf sich aufmerksam zu machen.

Und lächelnd
dachte er schon an erste bedeutungsvolle Kinderstimmen, die flüsterten:
"Mama, wenn ich mal groß bin, will ich auch so ein Türaufhalter
werden, wie der Mann im Supermarkt. Alle haben ihn lieb und kennen ihn."
Ja, Kinder können wirklich naiv sein. Daher hatte er zu ihrem Schutz
auch noch ein paar Schritte miteingeflochten. Von nun an dürften sie
sich länger an Nicht-von-Zigaretten-zerplatzenden-Luftballons freuen
und auf nicht mehr zugeschissenen Spielplätzen eine unbeschwertere Kindheit
verbringen. So musste die Welt einfach besser werden oder wenigstens nicht
schlimmer.
Ab Punkt 50 begannen dann die wirklichen Herausforderungen:
Nimm an möglichst
vielen Fernsehshows teil und mache in möglichst dümmlicher Weise
auf dich aufmerksam. Halte immer Ausschau nach verschwundenen Haustieren,
Kindern und Terroristen. Eine Wiederergreifung wird in besonderem Maße
honoriert werden. Patroulliere nachts durch die Straßen und melde alles
Auffällige der Polizei oder Feuerwehr und vergiss nicht, dabei deinen
Namen zu nennen. Kommst du an ein brennendes Haus, nutze deine Kontakte zur
Presse und gebe Augenzeugen-Interviews. Ähnliches gilt für Banküberfälle.
Sei zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Nun musste er nur noch die entscheidende Frage beantworten. Was ist eigentlich
in der heutigen Zeit die Krönung des Heldentums - der Oberheld? Und das
möglichst in einem positiven Entwurf. Alle mit dem Lebensverlust einhergehenden
Ereignisse fallen dabei natürlich raus. Also kein In-die-Schusslinie-Werfer,
Geiseldrama-Erstaufopferer oder verdienter Soldat. Wer will denn schon ein
Buch kaufen, in dem man am Ende stirbt und nichts davon hat, endlich berühmt
zu sein? Unrealistisches fällt ebenso raus:
Heirate mindestens eine
Prinzessin. Verschenke eine Million Mark. Zerstöre den auf Kollisionskurs
anfliegenden Meteoriten mit bloßen Händen. Stopfe das Ozonloch.
Bezahle die Staatsverschuldung. Nein, die wirklichen Helden von heute waren wahrscheinlich unermüdliche
Kämpfer für die Freiheit von Unterdrückten. Also formulierte
er als Schritt 100:
Suche dir eine genügend große Population
von unterdrückten Wesen und schenke ihnen in möglichst pathetisch
inszenierter Weise die Freiheit.
Hm ... wenn das mal nicht
eine wirkliche Herausforderung war, dachte er zwischen Begeisterung und Zweifel
hin- und hergerissen. Das Problem hierbei war gar nicht mal so sehr die Umsetzung.
Wenn er sich die Welt genau besah, wogte sie geradezu von vermeintlichen oder
berechtigten Freiheitsbewegungen von jedem gegen jeden. Mit recht unterschiedlichen,
manchmal fragwürdigen, oft aber auch unrechtmäßigen Mitteln
der Gewalt, des Terrors, der Gegenunterdrückung und Rache. In diesen
Übungen, einschließlich deren Rechtfertigung, hatten es die Menschen
schon lange zu zweifelhaftem Ruhm gebracht.

Hier waren bestimmt keine Lektionen
mehr zu lernen. Das wirkliche Problem schien ihm, eine halbwegs unschuldige,
unbelastete und noch unentdeckte Population aufzuspüren. Weil dies so
schwer bis aussichtslos schien, entschloss er sich, Schritt 100 von den restlichen
loszulösen. Man konnte also ohne den Umweg über Omas, Kinder und
Banküberfälle von 0 auf 100 Superheld werden, wenn man nur, ja,
wenn man es schaffte, genau jenes zu erreichen.
Er blickte etwas unschlüssig
auf sein Manuskript. Eine Menge zerknitterter Seiten voll von wehrlosen Buchstaben,
dazu verdammt, auf Papier gepresst eine lebenslängliche Sippenhaft antreten
zu müssen. Schlagartig wurde ihm klar, was er zu tun hatte. Das Kaminfeuer
fiel flackernd auf sein entspanntes Gesicht und tausende Buchstaben reinkarnierten
noch im selben Moment auf Kassenzetteln, Wahlplakaten, Liebesbriefen und Sterbeanzeigen.